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TANTE BABO / Nachgefragt
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Quelle: KELLING
Interview

Harry Wallis – Der Müllsammler

In orangefarbener Warnweste und voller Montur fährt er mit seinem Rad durch die Gegend und sucht den Unrat anderer auf: Müllsammler Harry Wallis aus Krempel. Ein umweltbewusster, tierlieber, sympathischer Typ, der viel zu erzählen hat, mit leichtem Berliner-Akzent. Müll sammelt er seit 2008. Nach neun Jahren hatte er die 42.000 Kilometer voll, was einer Weltumrundung gleichkommt – wow! Viele haben ihn schon interviewt. Sogar Fernsehberichte gibt es. Aber wir wollen nicht nur zeigen, was er macht, sondern wer Harry eigentlich ist. Zahlreiche Briefe und Bilder, eine „Akte über sein Leben“, wie er es selbst nennt, lassen tief blicken. Laut seiner Aussage sind wir die ersten, die in diese selbstangelegte Akte hineinschauen durften – cool!

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Quelle: KELLING

TANTE BABO: Müllsammeln – warum?

Harry: „Ich bin damals ausm Gefängnis entlassen worden, schwer gehbehindert – 40 Prozent. Vom Arbeitsamt aus sollte ich immer wieder irgendwelche Maßnahmen wahrnehmen. Viele Jobs konnte ich aber wegen meiner Einschränkung gar nicht ausüben.“

Wie kam es denn dann zu deinem „Umweltservice“?

„Nur vom Rumsitzen wird man ja verrückt. Ein Pfarrer, den ich auf meinem späteren Lebensweg kennenlernte, fragte mich: ‚Was kannst du eigentlich noch machen?‘ Ich zählte also auf, was ich alles nicht kann… ‚Da bleibt ja nur noch Papier aufheben‘, entgegnete er mir. Jo, das war’s! Ich bin sofort abends zum Bürgermeister und hab gefragt, ob er das unterstützen würde, wenn ich Krempel und Umgebung sauber machen würde. Und da hat er ja gesagt. Den nächsten Morgen habe ich angefangen, mit der bloßen Hand Bonbon-Papier aufzusammeln. Das war 2008.

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Wie ging’s weiter?

In Krempel Ort habe ich begonnen und dann bin ich auch mal in den Wald gegangen. Da habe ich ganze illegale Müll-Deponien gefunden. Das haben die Jäger gesehen. Die haben mir dann einen Anhänger gesponsert. Vorher habe ich alles zu Fuß geschleppt. Jeden Tag so 20 Kilometer. Auch sonntags und an Feiertagen. Der linke Arm ist jetzt länger als der rechte. Nach circa fünf Jahren war ein Fahrrad dann meine Rettung. Seitdem bin ich mit Drahtesel und Anhänger unterwegs und sammle alles. Von aufgerissenen Müllsäcken über Reifen, Fernseher und einer Autotür, die war auch schon dabei, bis hin zu Papier- und Restmüll.

Warum ist es die richtige Beschäftigung für dich?

„Zum einen war es eine Eingebung, als der Pfarrer sagte, ich könne nur noch Papier sammeln. Und zum anderen bin ich allgemein ein umweltbewusster Mensch. Den Kühlschrank habe ich zum Beispiel auch außer Kraft gesetzt – aus Energie- aber auch Geldspargründen. Ich brauch‘ den Kühlschrank nicht. Ich kann so einkaufen, dass mir nichts schlecht wird. Außerdem habe ich keinen Fernseher. Nur wenn ich mit dem Rad unterwegs auf Müllsammel- Tour bin, dann höre ich Radio. Hier in der Wohnung möchte ich meine Ruhe haben. Ich hab‘ meinen Kater Bruno und das reicht mir. Bruno habe ich gefunden. Den hab‘ ich dann natürlich mit nach Hause genommen und aufgepeppelt“.

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Quelle: Harry Wallis

Das mit dem Müllsammeln hat sich ja erst ergeben, als du dein Leben – man kann sagen – um 180 Grad gedreht hast. Erzähl‘ mal von der Zeit davor.

„Ich habe die Mittlere Reife gemacht. Ich war kein guter Schüler. Aber ich hab’s gepackt. Dann habe ich meinen Beruf im Zoo Berlin erlernt: Tierpfleger. Da hätte ich nie kündigen dürfen. Aber ich hatte Probleme mit einem Arbeitskollegen. Zum Schluss war ich im Elefantenhaus und dieser Mann hat die Dickhäuter als seine betrachtet. Wir haben uns nicht gut verstanden. Deswegen bin ich da abgehauen. Mich zog’s immer nach Wilhelmshaven, warum weiß ich nicht. Ich wollte als Pirat zur See fahren. Ich bin dann in ‘ne Seemannskneipe rein: ‘Braucht hier jemand einen zum Mitfahren?‘ Die haben mich vielleicht angeguckt. Also, kein Erfolg. Dann bin ich krank geworden und zurück nach Berlin.

Wie bist du dann wieder in den Norden gekommen?

Nach einer Zeit bin ich mit ‘nem Kumpel losgezogen, Richtung Jader Berg. Dort kannte ich den Zoobesitzer und der hat uns eingestellt. Und da hab‘ ich dann gearbeitet. Zu der Zeit habe ich für meine Arbeit gelebt – da ist ja auch nicht viel los in Jaderberg. Ich habe sogar im Zoo gewohnt. Von morgens um vier bis abends um neun Uhr habe ich da meistens gearbeitet und nebenbei noch Flaschenkinder aufgezogen. Aber irgendwann waren da dann immer neue Angestellte und so und dann bin ich nach Oldenburg. Da hab‘ ich dann jemanden kennengelernt, der mich fragte, ob ich für ihn in Argentinien arbeiten würde. Ich habe gesagt, na logisch! Mir war das egal. Ich hätte auch am Nordpol gearbeitet und Pinguine gezählt. Ich brauchte nur Essen, Klamotten, ‘ne Dusche und Tiere.

Was hast du in Argentinien gemacht?

Da war ich dann Dompteur in einem Zirkus. Mit Bären habe ich gearbeitet – das war ein Traum! Dann musste ich da auch weg. Später habe ich die Läden für eine Frau geschmissen. Etliche Etablissements. Das Ganze endete mit neun Jahren Knast. Warum? Das ist Geschichte. Ich habe bewusst die neun Jahre abgesessen. Ich wusste auch nicht, wie es danach weiter gehen sollte. Irgendwann konnte ich kaum noch gehen und war einfach down. Kurz vor meiner Entlassung wusste ich gar nicht wohin. Am 08. Februar, mit Pappkartons als mein einziges Hab und Gut. Dann habe ich Unterstützung bekommen und eine Wohnung bei dem besagten Pfarrer gefunden. Da habe ich 18 Jahre gewohnt. Unter anderem in Cuxhaven und Krempel. Das waren schöne Jahre. Ihm habe ich es mit meinem Umweltservice zu verdanken.“

Wie reagieren die Menschen auf dich? Erfährst du Anerkennung? Und wenn ja, wie sieht diese aus?

„Die Anerkennung ist der Wahnsinn. Ich habe durch das Müllsammeln schon viele Leute kennengelernt, auch gute Freundschaften sind entstanden. Ich wurde schon in den Kindergarten eingeladen, um gemeinsam mit den Kindern Müll zu sammeln. Die Kleinen waren total umweltbewusst. Außerdem bekomme ich Sachspenden. Ich hatte auch schon einen Vortrag im Altersheim. Also, die Reaktionen sind echt positiv. Ich habe sogar schon mehreren Umweltministern Briefe geschrieben, die loben, was ich tue.“

RESPEKT! FÜR DAS, WAS DU TUST, LIEBER HARRY!


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